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Thema: Bücher
David Rothkopf
Die Super-Klasse
Die Welt der internationalen Machtelite
Rezension von Ulrike Suppes
„Sechs Milliarden Menschen leben derzeit auf der Erde. Die Hälfte von ihnen, etwa drei Milliarden, müssen täglich mit weniger als zwei Dollar leben. Nur 10.000 Menschen, also weit weniger als 1%, teilen sich als so genannte Super-Klasse die Macht, über alle globalen Grenzen hinweg das Leben von Milliarden Menschen beliebig zu manipulieren oder zu verändern.
Nicht alle Mitglieder dieser Elite sind bekannt, manche bleiben lieber im Dunkeln. Denn zu dieser Super-Klasse gehören nicht nur angesehene Menschen aus allen Bereichen öffentlichen Lebens, sondern auch Anführer terroristischer Organisationen, Oberhäupter von Familien des organisierten Verbrechens, von den Triaden in Hongkong bis zu den Mobstern in Russland. Zur Schattenelite gehören auch jene anonymen Verbrecher, die den weltweiten Handel mit Drogen, Waffen, Menschen und gefährlichen Produkten betreiben und kontrollieren.“
Der Autor dieses Buches, David Rothkopf, berichtet aus der Welt der Elite innerhalb der Elite und stieß auf beängstigende Fälle atemberaubend unverhältnismäßiger Macht.
Zwei Beispiele:
„Carlos Slim Helú, der mit 67 Milliarden Dollar Vermögen einer der reichsten Männer der Welt ist, 94 Prozent der Festnetz-Telefonanschlüsse und 70 Prozent der Breitband-Internetanschlüsse Mexikos kontrolliert. Sein Vermögen stieg zwischen 2006 und 2007 um 19 Milliarden Dollar oder 2,2 Millionen Dollar stündlich. Diesen seinen Einfluss nutzte er, die Preise oder Telefonkosten für ein mittelständiges Unternehmen um 20 Prozent ansteigen zu lassen und andere Wettbewerber daran zu hindern, auf dem Markt Fuß zu fassen.
Rupert Murdoch. Die von ihm kontrollierten Medien erreichen die ganze Welt. Zu seinem Konzern News Corporation gehörten 2007 die Fox Broadcasting Company, 20th Century Fox, Harper Collins, die New York Post, der Weekly Standard, MySpace, DirecTV, 110 Zeitungen in Australien, fünf in Großbritannien, sowie Anbieter von Satellitenfernsehen in der ganzen Welt. Mittlerweile hat er den Medienkonzern Dow Johns übernommen, der unter anderem das Wall Street Journal herausgibt, und da die News Corporation Anteile an zahlreichen Websites und Internetdiensten hat, erreicht sie die große Mehrheit aller Computerbesitzer auf der ganzen Welt. AOL, Yahoo, MSN und MySpace, erreichen zusammengenommen etwa 96 Prozent aller Internetbenutzer in den Vereinigten Staaten.
Wichtiger als Gold, Silber, Edelsteine oder Öl sind den Mitgliedern der Super-Klasse: Kontakte.
Weil Zeit das einzige Gut ist, das sie weder mit Geld, noch mit Macht aufwiegen können, verbringen sie ihre Zeit mit Leuten, die den größten Gewinn versprechen. Manchmal ist dies ein geschäftlicher, finanzieller oder politischer Vorteil, manchmal aber auch „nur“ Prestige oder Status.“
Dieses Buch erhellt anhand zahlreicher Namen Zusammenhänge und beantwortet die wichtigsten Fragen in Bezug auf die Super-Klasse: Worin besteht ihre Macht? Worin liegen ihre Wurzeln? Hat die Super-Klasse ihre Macht für ihre Zwecke missbraucht und die globale Ungleichverteilung verschärft? Werden dadurch unsere juristischen und politischen Institutionen auf globaler Ebene in Frage gestellt? Wird sich der sich daraus ergebende Interessenskonflikt zwischen der Super-Klasse und nationalen Eliten zu einem zentralen Konflikt, vergleichbar mit der Kluft kapitalistischer und sozialistischer Doktrin, entwickeln? Und welche Alternativen bleiben denen, die weder zu den drei Milliarden mit den täglich 2 Dollar, aber auch nicht zu einer Elite gehören?
Dass die Reichen immer reicher werden, ist bekannt. In einem Fortune-Artikel war zu lesen: “Die Regeln haben sich verändert. Galt einst: wer hart arbeitet, dem sind nach oben keine Grenzen gesetzt, setzt dies gleiche Ausgangsbedingungen für alle voraus. Aber die Bedingungen sind bekanntlich nicht für alle gleich, denn mit der Ungleichverteilung von Reichtum und Macht ist die ungleiche Verteilung von Glück untrennbar verbunden. Glück nimmt Formen an: Wer am falschen Ort und mit dem falschen Namen geboren wird, hat Pech. Selbst wenn er fleißiger und intelligenter ist, wird er weniger verdienen, mehr kämpfen und dennoch eher sterben. Natürlich gibt es wichtigere Ziele, zum Beispiel das Gemeinwohl. Aber selbst dieses kann von Leuten in Machtpositionen so verändert werden, dass sie den größeren Anteil bekommen.
Und: Eine ungerechte Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass eine bestimmte Klasse ohne mehr Fleiß oder Intelligenz mehr besitzt, als ihr zusteht. Laut Platon dürfte dieses Verhältnis 5 zu 1 nicht übersteigen, heute steht dieses Verhältnis bei 350 zu 1. Während in einigen Unternehmen an der Wall Street milliardenschwere Gehaltsschecks ausgestellt werden, müssen drei Milliarden Menschen mit 2 Dollar am Tag auskommen.“
Die größte Herausforderung der kommenden Jahrhunderte wird darin liegen, diese sich auftuenden Gräben zu überbrücken. Dies könnte die Super-Klasse, wenn sie dies denn wollen würde. Wenn sie ihren Einfluss auf Regierungen, Militär, Medien und kulturelle Institutionen geltend machen würde. Nur dann könnten sich die Kräfte des Globalisierungsprozesses zum Vorteil aller entfalten. Aber ohne Kontrolle ausgleichender Machtzentren, die den Willen der breiten Masse repräsentieren und institutionalisieren, wird es keine Lösung geben. Denn die Armen und Schwachen werden an die Verhandlungstische nie geladen. Während die Reichen schon heute, Tag für Tag die Vorteile für die Zukunft erlangen, bleiben den Armen die Brosamen der Versprechen einer besseren Zukunft für ihre Kinder. Hinzu kommt der Gender-Effekt: Vor allem Frauen und Kinder, die selber gar keinen Krieg führen, sind vom Krieg betroffen, an den Verhandlungstischen sitzen sie nie! Auch mit der „Sex“- Industrie und Folter gegen Kinder und Frauen werden Millionen verdient.
David Rothkopf, unter der Clinton-Regierung stellvertretender Staatssekretär für internationale Handelsbeziehungen, in persönlichem Kontakt mit Mächtigen wie Eduard Schewardnadse, Henry Kissinger und zahlreichen Wirtschaftsführern, gibt in diesem komplexen Buch Einblick in die Super-Klasse und macht auch mit praktischen und persönlichen Erfahrungen Zusammenhänge von Macht und Reichtum transparent. Zusammenhänge, die alle betreffen, die nicht reich geboren wurden. Der Autor ist heute Präsident der internationalen Beraterfirma Garten Rothkopf und Gastreferent bei der Carnegie Stiftung für internationalen Frieden, sowie Dozent für internationale Politik an der Columbia University’s Graduate School of International Public Affairs.
Offenbart sich darin nicht auch, worum es im tieferen Sinne geht? Es geht um den Frieden! Es geht um das Gemeinwohl, um Gerechtigkeit. Es geht darum, dass in weiten Teilen der Welt Hunger und Krieg herrschen und die Super-Klasse auch daran verdient. So lange 10.000 Menschen - also weit weniger als 1% der Menschen auf diesem Planeten - sich als so genannte Super-Klasse die Macht über alle Grenzen hinweg teilen und das Leben von Milliarden von Menschen beliebig manipulieren, verändern oder zerstören - egal wie fleißig oder intelligent diese sind - wird es keinen Frieden geben. Ein erster und ehrlicher Schritt in diese Richtung wäre, Menschen, die sich in Nichtregierungsorganisationen für das Gemeinwohl einsetzen, an die Verhandlungstische zu laden, sie anzuhören, ihre Kritik anzunehmen und ihre Konzepte umzusetzen.
Die in diesem Buch genannten Personen, die der Autor als "Super - Klasse" bezeichnet, haben eines scheinbar völlig vergessen: Auch ihr Leben ist endlich. Sie verfügen über so viel Geld, dass sie dafür Sorge tragen könnten, dass kein einziges Kind verhungern müsste.
Die Mitglieder der "Super - Klasse" haben - das kann man unter www.forbes.com nachlesen - nahezu alle das "Bergfest des Lebens" überschritten. Sie verfügen über so viel Geld, dass sie es in ihrer Restexistenz nie mehr ausgeben können. Villen, Privatjets und Yachten ändern nichts daran, dass sie eine gewaltige Mitverantwortung für die Menschen tragen, die heute noch klein sind und - wenn sie nicht verhungern - ihnen eines Tages eine Rechnung präsentieren werden, die sie dann zu begleichen nicht mehr imstande sind.
Ist das "Super - Klasse"? Oder hieß es nicht schon immer: wer Geld hat, muss nicht durch Charakter glänzen?
©U.Suppes
· Gebundene Ausgabe: 480 Seiten
· Verlag: Riemann (März 2008)
· Sprache: Deutsch
· ISBN-10: 3570500764
· ISBN-13: 978-3570500767
· Größe/Gewicht: 22 x 14,6 x 4,2 cm
Preis: Euro 21
Ulrike Suppes 13.06.2009, 12.38 | (0/0) Kommentare | TB | PL
Ermordung einer Journalistin
Chronik eines angekündigten Mordes
Norbert Schreiber
Anna Politkowskaja
Laut „Reporter ohne Grenzen“ sind seit Putins Amtsantritt im März 2000 21 Journalistinnen und Journalisten in Russland ermordet worden. Die Liste „Feinde der Pressefreiheit“ wurde um neue Namen erweitert. In Russland um einen Namen: Wladimir Putin, Präsident.
Das Zentrum für Journalisten in extremen Situationen weist in einer Statistik mehr als zweihundert Journalisten als Todesopfer aus. Erschossen, erschlagen, erwürgt, vergiftet. Sie werden getötet, verlieren ihre Jobs oder müssen sich in langwierigen Gerichtsverfahren gegen Angriffe verteidigen. Bis zu achthundert Auftragsmorde werden in Russland jährlich registriert.
Was ist los in Russland oder was muss man dort getan haben, um so wie Anna Politkowskaja und viele andere JournalistInnen gehasst und bis zum Tode verfolgt zu werden?
Seit Beginn des „Zweiten Tschetschenien-Krieges“ berichtete Anna Politkowskaja in kritischen Reportagen unter ständiger Gefährdung ihres Lebens aus der Kaukasusrepublik. Und immer wieder behinderten dabei anonyme Kräfte ihre Arbeit. Denn ihre Arbeit erregte international Aufmerksamkeit, wurde mit Anerkennung und Preisen überhäuft. Der „Lettre Ulysees Award“ für die beste europäische Reportage oder der Olof-Palme-Preis für ihren mutigen Einsatz um Menschenrechte waren nur zwei von vielen.
Die Soziologin Olga Kryschtanowskaja, die als Wissenschaftlerin die Elitenbildung in Russland untersucht, geht davon aus, dass eine große Anzahl von KGB-Offizieren in Unternehmen, Banken und Sicherheitsfirmen untergeschlüpft sind und ihr KGB-Netz von der Macht für neue Aufgaben aktiviert wurde. Bei mehr als einem Viertel der Staatsfunktionäre sei in deren Vita offiziell eine KGB-Vergangenheit angegeben.
Auf Anna Politkowskaja war schon einmal eine lebensbedrohliche Attacke ausgeübt worden, die sie überlebt hatte. Sie war auf dem Flughafen Moskau von einem Unbekannten angesprochen worden, der sich als Bewunderer ihrer Arbeit ausgab, sie ins Flugzeug begleiten wollte. In einem Kleinbus saßen drei unbekannte Männer, die wahrscheinlich dem Geheimdienst angehörten. Nach dem Genuss eines Tees an Bord brach sie zusammen. Sie überlebte den Giftanschlag. Aber am 7. Oktober hatte sie keine Chance. Im Alter von 48 Jahren wird sie von einer Kugel getötet. Am 8. Oktober endet die Meldung über ihren Tod mit dem nüchternen Satz: “Todesart – wurde in ihrem Haus erschossen!“ Das Buch kritisiert die „Rituale der Medien“ und dass der Mordanschlag einige Tage die Schlagzeilen beherrscht und danach „kein Aufreger“ mehr sind. Und es greift die Aussagen eines Freundes des russischen Präsidenten Putins auf: „Der ehemalige Bundeskanzler und Kuratoriumsvorsitzende für die Ostseepipeline Gerhard Schröder lobt Putin, der Russland innen- und außenpolitisch zur Stabilität geführt habe.“ Defizite bei der Demokratisierung seien unbestritten, Morde wie an der regimekritischen Journalistin bedauerlich. Die Täter gehörten bestraft, aber auch in anderen Ländern würde gemordet. Es sei nicht in Ordnung, wenn bei jedem Mord reflexartig Putin und dem Kreml die Schuld gegeben würde.
Während Norbert Schreiber, selber langjähriger Reporter des ARD für Politik und Zeitgeschehen und Herausgeber dieses Buches, an seinem Vorwort schrieb, starb in London ein ehemaliger Mitarbeiter des FSB (russischer Geheimdienst) an den Folgen eines Giftanschlags mit radioaktivem Polonium, ein Gift, von dem ein Milligramm dreihundert Mal giftiger als Blausäure ist. Auch er war von zwei Russen zum Tee eingeladen worden. Alexander Litwinenko, einst Oberstleutnant des russischen Geheimdienst und scharfer Kritiker Putins. Litwinenko soll sich mit dem Tod der Journalistin befasst haben. Vor seinem Tod gab er ein BBC-Interview, in dem er den russischen Präsidenten Putin beschuldigte, in den Mordfall Anna Politkowskaja verwickelt zu sein.
„Wer auch immer hinter diesem Mord steht,“ schreibt Irina Scherbakowa, „die Art, wie er organisiert wurde, zeugt vom Fehlen jeglicher Angst und von der Überzeugung, straffrei auszugehen.“
Dies wollen die AutorInnen dieses Buches verhindern. Natalia Lublina, Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin der Texte Politkowskajas, Margareta Mommsen, emer. Professorin für Politikwissenschaften, Irina Scherbakowa, Historikerin, Publizistin und Übersetzerin, die sich für die Aufklärung der sowjetischen Repressionen und den Schutz der Menschenrechte im heutigen Russland einsetzt, Harald Loch, Jurist und Historiker, Andrei Nekrasow, der zur Zeit an einem Dokumentarfilm über seinen Freund Alexander Litwinenko arbeitet, Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisation „Komitee Cap Anamur/Deutsche Notärzte“ und Fritz Pleitgen, „Mordversuch an Menschenrechten“ haben hierzu ihren Beitrag geleistet.
Ein wichtiger Beitrag gegen Angriffe und mörderische Attacken gegen Menschenrechte und MenschenrechtlerInnen.

19,90 €
- Broschiert: 200 Seiten
- Verlag: Wieser; Auflage: 1 (März 2007)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 3851296524
- ISBN-13: 978-3851296525
Ulrike Suppes 07.10.2007, 09.23 | (0/0) Kommentare | TB | PL
Wirtschaftskriminalität
Global Networks
Mark Lombardi
mit einem Vorwort von Judith Richards
Wie Mark Lombardi die Netzwerke der internationalen Wirtschaftskriminalität entlarvt
(Autor: Joachim Gaertner)
Es war im September 2001. Nur wenige Tage nach den Anschlägen von New York und Washington. Ein FBI-Agent betritt das Whitney Museum in New York. Er ist auf der Suche nach Informationen über Osama Bin Laden und dessen Finanzierungsnetzwerk BCCI - in einem Kunstwerk. Der New Yorker Künstler Mark Lombardi hatte sich schon Jahre zuvor für den Paten des Terrors interessiert und seine Verwicklungen in das US-Bankensystem in einem detaillierten Diagramm nachgezeichnet. Offensichtlich genauer als das FBI.
Greg Stone, ein befreundeter Künstler: "Das war ein bahn brechender Moment, der die Kunstgeschichte verändert hat. Natürlich gab es auch früher politische Künstler. Aber ich glaube nicht, dass jemals der
Geheimdienst eines Landes das Werk eines Künstlers untersuchte, um Informationen zu sammeln."
Der Mann, der internationale Terrornetzwerke, Wirtschafts- und Politkrimis als graphische Kunstwerke darstellte, war im April 2000 in seinem Studio in einer ehemaligen Fabrik in Brooklyn tot aufgefunden worden - erhängt. Mark Lombardi sammelte besessen Informationen. Immer auf der Suche nach geheimen Machenschaften in Politik und Wirtschaft, nach unbekannten Verbindungen zwischen Regierungen, Verbrechern, Konzern- und Mafiabossen.
Mark Lombardi: "Der Kern meiner Arbeit ist Forschen und Zeichnen. Die graphische Darstellung von Informationen. Darüber hinaus habe ich nichts Wesentliches zu sagen."
Die riesigen Netzwerk-Zeichnungen von Mark Lombardi sind von einer eigenartigen Schönheit. Wie wuchernde Mikroorganismen, wie Käfer, Spinnennetze oder Sternbilder sehen sie aus. Doch hinter dieser
Schönheit lauern Verschwörungen und Verbrechen. Man fängt an, die Namen zu lesen: George Bush, Bill Clinton, saudiarabische Banken und texanische Ölfirmen. Und plötzlich ist man mittendrin in einem Thriller.
Eines von Mark Lombardis Lieblingsthemen waren die Verwicklungen des heutigen amerikanischen Präsidenten in die Machenschaften der Ölindustrie. Kurz vor Ausbruch des ersten Golfkrieges 1991 verkaufte George Bush junior ein Aktienpaket des texanischen Ölkonzerns Harken Energy für 850 Tausend Dollar. Zwei Monate später wäre es nur noch ein Viertel wert gewesen. Bush bestritt, von den Kriegsplänen seines Vaters gewusst zu haben.
Joe Amrhein, Mark Lombardis Galerist: "Wir zeigten Marks Arbeiten oft Vertretern großer Konzerne. Sie waren begeistert und hätten sie gerne gekauft. Aber dann lasen sie die Namen auf den Bildern und meinten: Naja, wissen Sie, der da ist unser Kunde, und der auch. Ich denke nicht, dass wir ein solches Bild haben sollten."
Eines der ersten Netzwerk-Diagramme Mark Lombardis wurde angeregt durch die Iran-Contra-Affäre der Achtziger Jahre. Hinter der scheinbaren Ordnung des abstrakten Diagramms verbirgt sich eine beängstigende Wirklichkeit. Mit Hilfe des Sicherheitsberaters Oliver North hatte der Geheimdienst CIA illegal dem Todfeind Iran Waffen verkauft und mit dem Erlös den Aufstand der rechten Contras in Nicaragua finanziert. Unwillkürlich fragt man sich, was Mark Lombardi aus den Affären um den
Irak-Krieg und die fehlenden Massenvernichtungswaffen gemacht hätte ...
Mark Lombardi: "Ich war auf der Suche etwas, das einerseits die Ausdruckskraft eines Gemäldes hat, und das gleichzeitig eine Geschichte erzählt. Narrative Information. Ich nenne diese Zeichnungen narrative
Strukturen."
Lombardi hatte ein Archiv mit über viertausend Karteikarten, auf denen er Informationen aus Büchern, Zeitungsartikeln und Datenbanken sammelte. Alles öffentlich zugängliche Quellen. Er zeichnete ausschließlich mit der Hand. Computergraphik lehnte er ab. Wie ein Besessener arbeitete er manchmal Tag und Nacht.
Robert Hobbs, Kunsthistoriker: "Seine Arbeitsweise war faszinierend intensiv. Oft arbeitete er an einem Werk vier oder fünf Tage und Nächte ununterbrochen, ohne zu schlafen. Dann stellte er die Stereoanlage auf höchste Lautstärke, aber ohne Musik, nur weißes Rauschen. Um jedes Geräusch um ihn herum auszuschalten."
Um die Ausdruckskraft seiner Zeichnungen zu steigern, experimentierte Lombardi auch mit einem Lichtkasten. Er zeigt die geheime Verwicklung des Vatikans zur Zeit Papst Paul VI. in einen nternationalen
Geldwäsche-Skandal, unter Beteiligung der Mafia und amerikanischer Diplomaten. Wie ein Historiengemälde erzählt diese Graphik von Macht, Gier, Ritual und Mord. Im Juni 1982 wurde Roberto Calvi, Vorstand der Banco Ambrosiani, tot aufgefunden.
Greg Stone, ein befreundeter Künstler: "Ich fragte Mark: Was soll einen italienischen Sammler davon abhalten, das Bild zu kaufen, nur um es vor der Öffentlichkeit zu verstecken? Und er sagte nur: Ich hoffe, ich werde niemals so wichtig werden."
Trotzdem fühlte sich auch Mark Lombardi verfolgt. Seine Kunstwerke enthielten äußerst brisante Informationen, und er wurde immer bekannter, die wichtigsten Museen kauften seine Bilder. Mark Lombardi: "Die meisten der Leute, von denen ich meine Informationen beziehe, laufen immer noch
herum. Und alle meine Quellen sind öffentlich. Aber es gab auch einige Fälle, in denen Journalisten ermordet wurden. Das ist tatsächlich passiert."
Robert Hobbs: "Kurz vor seinem Tod war er in einer sehr schwierigen Phase. Er trennte sich von seiner Freundin, sein Auto hatte einen Totalschaden, sein Osama Bin Laden-Bild wurde von einer Sprinkler-Anlage zerstört, wenige Tage vor einer großen Ausstellung. Er nahm Tabletten, um es rechtzeitig noch einmal zu zeichnen."
Am 22. April 2000 wurde Mark Lombardi in seinem Studio gefunden. Erhängt. Die Polizei stellte als Todesursache Selbstmord fest.

- Broschiert: 136 Seiten
- Verlag: Independent Curators Inc (August 2003)
- Sprache: Englisch
- ISBN: 0916365670
- Preis: 25,40 €
Ulrike Suppes 03.10.2006, 13.30 | (0/0) Kommentare | TB | PL
Der Krieg im Dunkeln
Die wahre Macht der Geheimdienste
von Udo Ulfkotte
Immer wieder schwappen Nachrichten an die Öffentlichkeit, in denen von Geheimdiensten die Rede ist. Meistens dann, wenn eine Panne passiert, denn Geheimdienste arbeiten im Verborgenen. Teil ihrer Aufgabe ist es, ihre geheimen Erkenntnisse vor dem Zugriff anderer zu schützen.
In Zeiten globaler Massenkommunikation ist es auch für NormalbürgerInnen wesentlich einfacher geworden, per e-Mail Anfragen an Öffentlichkeitsreferate zu richten und es ist erstaunlich, wie viel man bei gründlicher Internetrecherche über Geheimdienste erfährt. Doch dieses reicht höchstenfalls aus, um sich eine Vorstellung von Wesen, Wirken und der Selbstverständlichkeit der Geheimdienste zu machen. Wirklich tiefgehendere Einblicke erhält man auf diese Weise nicht.
Zur sicheren Informationsquelle tragen oftmals unzufriedene MitarbeiterInnen aus Geheimdiensten selbst bei, die zwar zur Geheimhaltung verpflichtet sind, aber aufgrund unterschiedlicher Gründe Internitäten preisgeben. Das können ins Stocken geratene Beförderungen sein oder Frust, Enttäuschung über Kompetenzstreitigkeiten, bürokratische Abläufe und Intrigen. AussteigerInnen, die ihre Dienste nach Jahren aufopferungsvoller Tätigkeit aufgegeben haben und sich vom eigenen Land und rechtsstaatlichen Kontrollen ausgenutzt, benutzt und missbraucht fühlen. Dies kommt den LeserInnen dieses Buches zugute.
Das übersichtlich strukturierte Buch informiert sachlich über die Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Geheimdienste und räumt mit einem Klischee gründlich auf: Schöne Frauen, Luxusautos, Nobelherbergen, eine Pistole unter dem gut sitzenden Designeranzug, ständig im Privatjet unterwegs, wilde Verfolgungsjagden und Motoryachten gehören nicht zum Alltag.
Statt dessen erhalten LeserInnen Informationen über den reellen Alltag und die Tätigkeiten der Geheimdienste in Frankreich (DGSE und DST), Großbritannien (M15 und M16), Deutschland (BND), Israel (Mossad), Russland (KGB) und der Vereinigten Staaten (CIA). Auch Hintergründe aktueller und geschichtsträchtig bekannter politischer Aktionen werden erklärt.
Es heisst, viele Bundeskanzler hätten sich lieber auf die Zeitungslektüre, als auf den BND verlassen, um dessen Ruf es aufgrund seiner Bürokratie schlecht bestellt sei. Dennoch werden seine Arbeitsergebnisse in Ost und West geschätzt und so kommt dieses Buch zum 50-jährigen Bestehen des BND im April gerade richtig, da es Einblick in seinen Aufbau, seine Arbeitsbereiche und die internen Strukturen gibt. Es beantwortet auch die Frage, wann wer wie und warum überwacht wird, auch wenn er keine Terroranschläge plant.
Inzwischen ist Deutschland Weltmeister auf dem Gebiet des Abhörens: Wurden nach offiziellen Angaben im Jahr 2003 mit richterlicher Genehmigung 24.441 Telefongespräche abgehört, so waren es lt. einer im Münchener Merkur Juli 2005 veröffentlichten Studie im Jahre 2004 in Deutschland 42 Mio. Telefongespräche. Zahlreiche Gespräche wurden abgehört, ohne dass es den Datenschutzbeauftragten, geschweige denn den Betroffenen mitgeteilt wurde. Der BND leistet also (insgeheim) mehr, als man ihm zutraut. Ein Geheimdienstvokabular am Ende des Buches erleichtert die Lektüre.
(© Ulrike Suppes)

- Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
- Verlag: Eichborn; Auflage: 1 (18. Januar 2006)
- Sprache: Deutsch
- ISBN: 3821855789
- Preis: 22,90 €
Ulrike Suppes 02.10.2006, 18.30 | (0/0) Kommentare | TB | PL