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Ausgewählter Beitrag
Ermordung einer Journalistin
Chronik eines angekündigten Mordes
Norbert Schreiber
Anna Politkowskaja
Laut „Reporter ohne Grenzen“ sind seit Putins Amtsantritt im März 2000 21 Journalistinnen und Journalisten in Russland ermordet worden. Die Liste „Feinde der Pressefreiheit“ wurde um neue Namen erweitert. In Russland um einen Namen: Wladimir Putin, Präsident.
Das Zentrum für Journalisten in extremen Situationen weist in einer Statistik mehr als zweihundert Journalisten als Todesopfer aus. Erschossen, erschlagen, erwürgt, vergiftet. Sie werden getötet, verlieren ihre Jobs oder müssen sich in langwierigen Gerichtsverfahren gegen Angriffe verteidigen. Bis zu achthundert Auftragsmorde werden in Russland jährlich registriert.
Was ist los in Russland oder was muss man dort getan haben, um so wie Anna Politkowskaja und viele andere JournalistInnen gehasst und bis zum Tode verfolgt zu werden?
Seit Beginn des „Zweiten Tschetschenien-Krieges“ berichtete Anna Politkowskaja in kritischen Reportagen unter ständiger Gefährdung ihres Lebens aus der Kaukasusrepublik. Und immer wieder behinderten dabei anonyme Kräfte ihre Arbeit. Denn ihre Arbeit erregte international Aufmerksamkeit, wurde mit Anerkennung und Preisen überhäuft. Der „Lettre Ulysees Award“ für die beste europäische Reportage oder der Olof-Palme-Preis für ihren mutigen Einsatz um Menschenrechte waren nur zwei von vielen.
Die Soziologin Olga Kryschtanowskaja, die als Wissenschaftlerin die Elitenbildung in Russland untersucht, geht davon aus, dass eine große Anzahl von KGB-Offizieren in Unternehmen, Banken und Sicherheitsfirmen untergeschlüpft sind und ihr KGB-Netz von der Macht für neue Aufgaben aktiviert wurde. Bei mehr als einem Viertel der Staatsfunktionäre sei in deren Vita offiziell eine KGB-Vergangenheit angegeben.
Auf Anna Politkowskaja war schon einmal eine lebensbedrohliche Attacke ausgeübt worden, die sie überlebt hatte. Sie war auf dem Flughafen Moskau von einem Unbekannten angesprochen worden, der sich als Bewunderer ihrer Arbeit ausgab, sie ins Flugzeug begleiten wollte. In einem Kleinbus saßen drei unbekannte Männer, die wahrscheinlich dem Geheimdienst angehörten. Nach dem Genuss eines Tees an Bord brach sie zusammen. Sie überlebte den Giftanschlag. Aber am 7. Oktober hatte sie keine Chance. Im Alter von 48 Jahren wird sie von einer Kugel getötet. Am 8. Oktober endet die Meldung über ihren Tod mit dem nüchternen Satz: “Todesart – wurde in ihrem Haus erschossen!“ Das Buch kritisiert die „Rituale der Medien“ und dass der Mordanschlag einige Tage die Schlagzeilen beherrscht und danach „kein Aufreger“ mehr sind. Und es greift die Aussagen eines Freundes des russischen Präsidenten Putins auf: „Der ehemalige Bundeskanzler und Kuratoriumsvorsitzende für die Ostseepipeline Gerhard Schröder lobt Putin, der Russland innen- und außenpolitisch zur Stabilität geführt habe.“ Defizite bei der Demokratisierung seien unbestritten, Morde wie an der regimekritischen Journalistin bedauerlich. Die Täter gehörten bestraft, aber auch in anderen Ländern würde gemordet. Es sei nicht in Ordnung, wenn bei jedem Mord reflexartig Putin und dem Kreml die Schuld gegeben würde.
Während Norbert Schreiber, selber langjähriger Reporter des ARD für Politik und Zeitgeschehen und Herausgeber dieses Buches, an seinem Vorwort schrieb, starb in London ein ehemaliger Mitarbeiter des FSB (russischer Geheimdienst) an den Folgen eines Giftanschlags mit radioaktivem Polonium, ein Gift, von dem ein Milligramm dreihundert Mal giftiger als Blausäure ist. Auch er war von zwei Russen zum Tee eingeladen worden. Alexander Litwinenko, einst Oberstleutnant des russischen Geheimdienst und scharfer Kritiker Putins. Litwinenko soll sich mit dem Tod der Journalistin befasst haben. Vor seinem Tod gab er ein BBC-Interview, in dem er den russischen Präsidenten Putin beschuldigte, in den Mordfall Anna Politkowskaja verwickelt zu sein.
„Wer auch immer hinter diesem Mord steht,“ schreibt Irina Scherbakowa, „die Art, wie er organisiert wurde, zeugt vom Fehlen jeglicher Angst und von der Überzeugung, straffrei auszugehen.“
Dies wollen die AutorInnen dieses Buches verhindern. Natalia Lublina, Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin der Texte Politkowskajas, Margareta Mommsen, emer. Professorin für Politikwissenschaften, Irina Scherbakowa, Historikerin, Publizistin und Übersetzerin, die sich für die Aufklärung der sowjetischen Repressionen und den Schutz der Menschenrechte im heutigen Russland einsetzt, Harald Loch, Jurist und Historiker, Andrei Nekrasow, der zur Zeit an einem Dokumentarfilm über seinen Freund Alexander Litwinenko arbeitet, Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisation „Komitee Cap Anamur/Deutsche Notärzte“ und Fritz Pleitgen, „Mordversuch an Menschenrechten“ haben hierzu ihren Beitrag geleistet.
Ein wichtiger Beitrag gegen Angriffe und mörderische Attacken gegen Menschenrechte und MenschenrechtlerInnen.

19,90 €
- Broschiert: 200 Seiten
- Verlag: Wieser; Auflage: 1 (März 2007)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 3851296524
- ISBN-13: 978-3851296525
Ulrike Suppes 07.10.2007, 09.23
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